Zum sechsten Mal in Folge haben es die Straubing Tigers in das Viertelfinale der Deutschen Eishockey Liga (DEL) geschafft. Dennoch war es kein einfaches Jahr am Pulverturm. Die Mediengruppe Bayern hat es mit Manager Jason Dunham (55) ausführlich analysiert.
Herr Dunham, seit ein paar Tagen ist die mit Abstand intensivste Saison der Straubing Tigers beendet – Ihr Fazit?
Jason Dunham: Es war wieder eine sehr erfolgreiche Saison und wir sind als Organisation wieder einen Schritt weiter. Darum bin ich super stolz auf alle – natürlich gab es heuer mehr Verbesserungspotenzial als die Jahre zuvor.
Hatten Sie über das Jahr gesehen einen besonderen Glücksmoment?
Dunham: Natürlich! Als das Spiel gegen Team Kanada beim Spengler Cup aus war. Diesen Sieg kann den Straubing Tigers keiner mehr wegnehmen. Ich war so stolz, ich konnte es gar nicht glauben. Alle Mitarbeiter haben diesen Moment genossen, wir sind uns in den Armen gelegen, die Stimmung in der Kabine zu sehen – das war ein brutal schöner Tag für unseren Klub. Aber es war keine Zeit zu feiern, weil wir am nächsten Tag wieder spielen mussten. Die Arbeit ging direkt weiter, erst auf der Heimfahrt haben wir realisiert, was in Davos eigentlich passiert ist.
Beim Spengler Cup hat die Mannschaft fünf Spiele in fünf Tagen bestritten. Insgesamt waren es in dieser Saison mit DEL und Champions League 72 Pflichtspiele – war deshalb das Playoff-Viertelfinale heuer das maximal Mögliche?
Dunham: In jedem Fall sollten wir damit zufrieden sein. Wir haben vor der Saison über die Belastung gesprochen und uns war klar, dass es hart wird für die Jungs. Die körperliche und vor allem mentale Belastung war phasenweise sehr hoch – aber wir wollten das unbedingt. Wir haben nur so viele Spiele gemacht, weil die Spieler diese Herausforderung angenommen haben und weil sie Erfolg hatten. Jetzt brauchen sie aber dringend eine Pause.
Kritik an Auftritten in Heimspielen
Es gab auch kritische Phasen – erstmals seit fünf Jahren haben die Tigers die DEL-Hauptrunde nicht in den Top sechs abgeschlossen. Was sind die Gründe dafür?
Dunham: In erster Linie lag es an der Belastung. Aber wir brauchen auch nichts schönreden. Es gab mehrere Faktoren. In den Heimspielen haben wir zu viele Punkte abgegeben. Teilweise haben wir unsere Identität verloren, wir sind nicht rausgekommen wie die Feuerwehr, haben nicht jeden Check zu Ende gefahren. Das hat mir nicht gefallen. Oft haben wir nicht konsequent genug gespielt und die Tore in den richtigen Momenten nicht gemacht. Außerdem sind wir, wenn ich mich richtig erinnere, im Penalty Killing die statistisch schlechteste Mannschaft der Liga gewesen. Aber in meinen Augen sind das Luxusprobleme. So schlecht, wie hier vor Ort geschrieben wird, war die Saison bestimmt nicht.
Die erfolgreichen letzten Jahre haben halt dafür gesorgt, dass die Erwartungen höher sind.
Dunham: Ja, die hohen Erwartungen kommen auch aus der Kabine. Den Spielern reichen auch Preplayoffs nicht aus. Aber gewinnen ist nicht leicht und eines wird oft vergessen. Unsere Mittelstürmer der ersten und zweiten Reihe, Danjo Leonhardt und Joshua Samanski, sind 22. Schauen Sie mal, was andere auf diesen Positionen haben. Keiner hat da zwei U23-Spieler. Nicht falsch verstehen. Die beiden haben es super gemacht. Aber was ich damit sagen will: Die einzige Vorgabe von mir an die Trainer ist, dass die jungen deutschen Spieler spielen müssen. Wir wollen keinen Erfolg für ein Jahr, wir wollen zehn Jahre lang erfolgreich sein und dementsprechend kann ich sagen, wir haben die Jungs wie Klein, Zimmermann, Hede, Fleischer oder Leonhardt ein Jahr weitergebracht – sie stehen für die Identität des Klubs und sind unser Grundgerüst.
Weil Sie Josh Samanski erwähnen. Es verdichten sich Hinweise, dass er in die NHL wechseln kann. Was würde es für die Straubing Tigers bedeuten, wenn nach Nick Mattinen im vergangenen Jahr erneut ein Profi der Tigers den Sprung nach Nordamerika schafft.
Dunham: Extrem viel. Wir waren stolz auf Nick, weil er es sich verdient hatte. Wir wären stolz auf Josh, weil er vier Jahre lang hier brutal hart gearbeitet hat. Er hat alles getan, damit er sein Ziel erreicht und wenn es so kommt, freue ich mich extrem mit ihm. Talent ist das eine, aber Sie konnten es beim Spengler Cup sehen: Josh war fünf Tage in Folge der beste Mann auf dem Eis. Man muss sein Können erst einmal auf diesem Niveau abrufen können. Da hockst du auf der Tribüne und hast Tränen in den Augen.
Linus Brandl macht den Manager „baff“
Wo finden Sie den nächsten Josh Samanski?
Dunham: Daran habe ich gearbeitet, bis Sie reingekommen sind. Ich habe gestern sechs Stunden lang Videos geschaut und heute Morgen geht es weiter.
Vielleicht ist er sogar schon da – der 19-jährige Linus Brandl hat zuletzt Werbung dafür gemacht, dass er öfter mitspielen darf.
Dunham: Da war ich auch baff. Der kommt in wichtigen Spielen zum Einsatz, fährt jeden Check zu Ende und hätte fast ein Tor geschossen. In Situationen wie diesen sieht man, dass unser System funktioniert. Du kannst 16-, 17-, 18-Jährige nicht verpflichten und einfach in die DEL schmeißen. Sie brauchen Zeit. Wir bauen sie in Landshut und der DEL2 auf. Dort können sie sich Spielpraxis holen und Selbstvertrauen und Körper und Fähigkeiten aufbauen für die DEL. Linus ist jetzt deutlich weiter und ich denke, er kann nächste Saison hier einsteigen.
Mit Simon Seidl und Tobias Schwarz (beide 18) haben zwei weitere Tigers-Talente zuletzt Erfahrungen im Ausland gesammelt – wie geht es für sie weiter?
Dunham: Tobi ist schon aus Finnland zurück, Simon kommt auch bald als Nordamerika zurück. Beide werden hier ins Sommertraining einsteigen und ich denke, dass sie eine weitere Saison in Landshut spielen werden. Dann schauen wir weiter.
Kein Statement zu Loibl, Lob für Stettmer
Wie man hört, könnte auch ein gebürtiger Straubinger bald zurückkehren. Stefan Loibl, der mit den Adler Mannheim das Halbfinale erreicht hat. Ist an den Gerüchten etwas dran?
Dunham: So etwas werde ich natürlich nicht kommentieren. Lassen Sie uns lieber über einen anderen Straubinger sprechen.
Wen?
Dunham: Jonas Stettmer (Torwart der Eisbären Berlin, Anm.d.Red.). Hut ab, was er in den Playoffs zeigt. Der hat uns im Viertelfinale geschlagen, ein Straubinger hat Straubing besiegt. Das klingt furchtbar, aber ich kenne ihn und seine Familie gut und seine Leistung muss man neidlos anerkennen.
Was passiert, wenn Sie ihm mal auf dem Stadtplatz über den Weg laufen – nehmen Sie ihn kurzerhand in den Schwitzkasten?
Dunham: Eher anders herum. Er ist ziemlich groß und stark – fragen Sie mal bei unseren Stürmern nach. (lacht) Spaß beiseite: Er hat eine tolle Entwicklung genommen, so etwas freut mich total.
Wie bewerten Sie Torhüterleistungen von Florian Bugl und Zane McIntyre? Es gab immer mal wieder kritische Zwischentöne.
Dunham: Wir haben mit Bugi einen hervorragenden jungen Torhüter, der auf dem Sprung in die deutsche Nationalmannschaft ist. Ihm wollen wir helfen, sich weiter zu verbessern. Klar waren die Torhüterleistungen nicht immer perfekt. Aber haben wir auf der anderen Seite genügend Tore geschossen? Nein. Es hängt alles zusammen.
„Es werden vielleicht zehn Spieler gehen“
Wie stark wird sich das Gesicht der Mannschaft im Sommer verändern?
Dunham: Es werden sieben, acht, vielleicht zehn Spieler gehen. Wie jedes Jahr. Und ich bin dran, im August wieder eine starke Mannschaft auf das Eis zu bringen. Ich bin zuversichtlich, dass es gelingt.
Nach acht Jahren haben Sie Anfang Februar den Trainer getauscht. Tom Pokel musste gehen – Craig Woodcroft ist der neue Coach. Was hat er in den ersten Wochen gut gemacht?
Dunham: Er hat eine Linie reingebracht und Kleinigkeiten geändert, die geändert werden mussten. Wir haben beispielsweise ganz wenig Gegentore bekommen und ich habe nach dem Trainerwechsel gesehen, was ich sehen will: Ein funktionierendes Team. Das war der Verdienst des Trainerstabs und darum haben wir die Spiele, die wir gewinnen mussten, auch gewonnen.
Hatten Sie zuletzt noch Kontakt zu Pokel. Es hieß, er würde noch eine offizielle Verabschiedung in Straubing bekommen.
Dunham: Ich bin jetzt an der Planung der neuen Saison, aber ich habe schon noch Kontakt zu ihm. Ich wiederhole mich gerne: Die Entscheidung, Tom zu entlassen, war nicht persönlich. Wenn du als Manager beobachtest, dass sich die Mannschaft nicht mal mehr umdreht, wenn der Trainer spricht, dann musst du reagieren. Egal, ob das im ersten oder achten Jahr einer Amtszeit ist. Ich verstehe, dass viele Fans sauer waren. Aber ich bin dazu da, die Mannschaft in die bestmögliche Position zu bringen und nicht, um Freunde zu sammeln. Aus heutiger Sicht fühle ich mich bestätigt. Der Trainerwechsel war richtig. 99 Prozent der Leute sehen das inzwischen genauso. Es ist natürlich extrem schade, wenn die, die anderer Meinung sind, am lautesten schreien. Es war unser aller Wunsch: Dass wir diese Saison wieder auf Platz vier beenden und Tom den Abschied bekommt, den er verdient hätte. Aber ist anders gekommen.
Letzte Frage: Wir sitzen im neuen Verwaltungsgebäude am Pulverturm. Inwiefern hilft so ein neuer Trakt, weiter erfolgreich zu sein?
Dunham: Wir sind 15 Jahre lang in einem Büro gesessen, das kaum größer als zehn Quadratmeter war. Jetzt haben wir deutlich mehr Raum. Nicht nur für die Verwaltung. Der VIP-Raum hat inzwischen ein spürbar höheres Niveau, die Fans haben eine neue Gaststätte, die Spieler einen neuen Kraftraum. Das alles haben unseren Gesellschafter ermöglicht und dafür bin ich extrem dankbar. Auch unseren Mitarbeitern. Ich bin nur für den sportlichen Bereich zuständig und staune genauso über die Entwicklung der Infrastruktur. Wir haben auch neben dem Eis Riesenschritte gemacht. Sie sind, genauso wie die finanziellen Mittel, Voraussetzung für den sportlichen Erfolg. Wir machen Jahr für Jahr Schritt für Schritt, um oben mitzuspielen. Was dabei jede Saison herausspringt, ist nicht planbar. Mit Sicherheit haben wir aber eine solide Basis und eine stabile Organisation.
Dieses Interview wurde geführt von Michael Duschl / Mediengruppe Bayern.
Originalveröffentlichung unter: www.heimatsport.de/18310949